Dionisio González

Halong VI

Mit seinen fotografischen Arbeiten führt Dionisio González den Betrachter in utopische Räume. Dabei agiert er als Feldforscher und kritischer Dokumentarist, der Verborgenes offenlegt.
Im Mittelpunkt seines Interesses steht die Architektur, mit der sich Arme und Ausgeschlossene vormals unsichtbare Räume aneignen. Die Erforschung dieser Kulturtechniken geht einher mit der Frage nach Wahrnehmung gesellschaftlicher Asymmetrien. Zumeist liegen Shantytowns, Slums oder Favelas abseits in den Peripherien. Nur in Ausnahmefällen sind sie ohne weiteres dem exotisierenden Blick des Ethnografen oder des Touristen ausgesetzt. Das gilt etwa für die Shantytowns in der Halong-Bucht, die 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde, oder für Favelas wie Nueva Heliópolis in der pulsierenden Metropole von São Paulo.
Für González birgt die Sichtbarkeit der Elendsviertel die paradoxe Gefahr der Unsichtbarkeit. Dabei hat er Foucaults Diktum im Sinn, Macht dulde keine Schatten: Macht stellt Transparenz her, sodass die Menschen unmittelbar als anonymes Kollektiv gesehen werden. In diesem Sinne unterdrückt die begrenzte Wahrnehmung des Touristen jede Andersheit / Andersartigkeit. Statt die Auseinandersetzung mit der einheimischen Bevölkerung zu suchen, ebnet der Blick des Touristen alles ein, jede Differenz wird befriedet, um das Wohlbefinden nicht zu verstören, das Ferienanlagen versprechen.
Eine »Fallstudie« von González gilt der Halong-Bucht in der Provinz Quang Ninh im Norden Vietnams, 170 Kilometer östlich von Hanoi am Tonkin-Golf, nah an der chinesischen Grenze. In dieser Landschaft voll atemberaubender Schönheit ist auf dem Wasser, zwischen Inseln und Klippen, ein riesiges Elendsviertel entstanden. Diese Shantytowns fotografiert González mit verblüffendem Detailreichtum. Verstörend schöne Bilder entstehen
mit einer Lichtführung im Stil der Alten Meister. Durch gezielte Bildmanipulation bereinigt González die Bilder von jeder Spur des Elends. So entsteht der Eindruck hygienischer, solider Konstruktionen. Und trotzdem ist die Architektur der Slums zu erkennen in ihrer Formenvielfalt und ihrer Nichttrennung zwischen
Privatem und Öffentlichem. Mit seinen digital manipulierten Bildern würdigt González die Kulturtechniken und Lebensformen, die unter widrigen Bedingungen entstehen. Indem González andere, mögliche Stadträume erforscht, schafft er mit seinem künstlerischen Projekt Möglichkeiten der persönlichen Intervention. Dabei spürt der Künstler der Utopie nach, die er im Sinne Marc Augés als Notwendigkeit begreift.
Aus dem Spanischen: Silvia Fehrmann

 

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