»Die Welt kann man nicht Experten überlassen.«

Teil 1

Adrienne Goehler war zwölf Jahre Präsidentin der Hochschule für bildende Künste, Hamburg, Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Übergangssenat in Berlin 2001, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, seit 2006 freie Kuratorin und Autorin.

Frau Goehler, die Welt ist geprägt von Krisen, ob es nun um Finanzmärkte, Armut, Wasser, Verteilung oder Klima geht. Oder um Politik. Die gewählten VolksvertreterInnen haben sich längst Margaret Thatchers Credo »There is no alternative« zu eigen gemacht. Die Politik scheint an Ende. Was machen wir denn jetzt?

Denken und Handeln in Zusammenhängen, ein Ausschwärmen in neue Organisations- und Bewegungsformen. Die Entfesselung der Fantasie auf allen Ebenen, weil die von Menschen gemachten Natur- und Finanzkatastrophen mit den herkömmlichen Methoden nicht mehr zu bewältigen sind. Die große Krise, die wir haben, ist ja auch eine Krise des Expertentums.

Ist damit auch die Politik gemeint?

Ja, auch, denn die Demokratie ist auch dort nicht mehr gut aufgehoben. Das Expertentum scheitert aber auf vielen Ebenen: Die PISA-Studien zeigen: Wir können Schulen nicht den Schulexperten überlassen. Die Finanzkrise hat uns gelehrt, Geld ist bei Geldexperten nicht gut aufgehoben. Und Kopenhagen beschreibt eine weitere Zäsur. Die gescheiterte internationale Klimakonferenz Ende 2009 hat mehr als alles andere klar gemacht, dass der »good will« von Regierungen radikal von ökonomischen oder lobbyistischen Interessen begrenzt wird. Die Welt und ihren Zustand kann man nicht den Experten in Wirtschaft und Regierungen überlassen.

Was setzt man dann diesem Expertentum, das offenbar viel mit Einzelinteressen zu tun hat, entgegen?

Es muss in einer erweiterten Form von Demokratie geleistet werden. Es muss zusammengedacht werden, und das ist in einer repräsentativen Demokratie, die sich streng entlang von Aufteilungen in Ressorts, Zuständigkeiten und der Diktatur der 51 Prozent über die 49 Prozent bewegt, nicht mehr gewährleistet. Künste und Wissenschaften haben dabei aus ihren Methodiken heraus eine Art Vorbildfunktion, sie sind in ihrem Tun gewissermaßen die Avantgarde der »flüssigen Moderne«, die durch unsichere Verhältnisse und dem Verlust an Gewissheiten gekennzeichnet ist. Denn sie müssen sich immer neu versichern. Es gibt kein: Das hab ich einmal gedacht und dabei bleibe ich. Es ist immer alles im Prozess, immer zu hinterfragen, neu zusammenzusetzen und gegebenenfalls zu revidieren.

Das bedeutet für die Nachhaltigkeit? 

Übertragen auf den Umgang mit Nachhaltigkeit bedeutet das, dass wir den Begriff dem technoiden Verständnis entreißen und an die Definition von Joachim Heinrich Campe, dem Lehrer Alexander von Humboldts, von 1809 anknüpfen müssen: »Nachhalt ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält.« Für Albert Schweitzer war Nachhaltigkeit die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen. Beide Definitionen verdanke ich Ulrich Grober, der im Lesebuch noch ausführlich darauf eingeht. Oder ganz einfach: »Nicht mehr Holz fällen als nachwächst!« Der Wortkünstler Adib Fricke nähert sich dem Themenfeld der Nachhaltigkeit in einer Wortinstallation.

Um bei der Ausstellung zu bleiben: Wie definieren Sie dann Ästhetik?

Ästhetik ist die Summe der Wahrnehmung. Sie ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten an die Kunst delegiert worden. Ich würde sie gerne wieder zurückgeben in die Wahrnehmung der Bevölkerung, der Individuen. In diesem Sinne heißt es, sich auf die Wahrnehmung und die eigenen Sinne zu verlassen und zu begreifen, dass alles mit allem verbunden ist. Das Verknüpfen wollen resultiert aus meinem kurzen und hoch lehrreichen Regierungspraktikum.

Sie waren von Juni 2001 an ein halbes Jahr parteilose Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in einer rotgrünen Regierung des Landes Berlin.

Ja, und da habe ich gemerkt, dass man in der Politik nicht in Zusammenhängen, sondern entlang von Ressorts und von Zuständigkeiten denkt, handelt und gestaltet. Das, was die Welt gerade an Fragen und Problemen vorantreibt, liegt aber fast immer zwischen den Zuständigkeiten. Vor dem Gedanken an die Ausstellung lag die Erkenntnis, dass wir einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit (FÄN) schaffen müssten, um Dinge, die willkürlich getrennt sind, wieder zusammenzuführen. Wir brauchen etwas, was unterschiedliche Perspektiven und Handlungsfelder versammelt und bündelt. Denn nicht nur Regierungspolitik ist aufgespalten in Ressorts und Zuständigkeiten, sondern auch Stiftungen, Fördereinrichtungen – da heißt es nur nicht Ressort, sondern Profil. Und eigentlich fallen alle möglichen wichtigen Fragestellungen aus den herkömmlichen Rastern raus.

Wieso können das KünstlerInnen besser?

Vielleicht weil sie Anti-Experten sind? Weil sie sich immer in neue Zusammenhänge begeben. In der Kunst gibt es keine gesicherten Fragestellungen und noch weniger gesicherte Antworten. Vielmehr befragt die Kunst die gängigen Antworten immer aufs Neue.

Muss Kunst, müssen KünstlerInnen die Welt retten, nachdem die Politik das nicht geschafft hat – wie soll das gehen?

Nein, mit jeglicher Rettungsfunktion wäre die Kunst überfordert und es ist auch nicht ihre Aufgabe. Wohl aber hat man ihr seit geraumer Zeit die Verantwortung für die Dokumentation des Zustands der Welt übertragen. KünstlerInnen übernehmen die Aufgabe des Zuhörens, Beobachtens und Veröffentlichens von Weltereignissen. Und Kunst kann das Unsichtbare sichtbar machen, wie in der Arbeit von Richard Box, der in der Ausstellung Elektrosmog zum Leuchten bringt. Und Michael Saup macht den CO2-Ausstoß durch hemmungslosen Internetgebrauch sichtbar. Wir brauchen diese erweiterten Formen der Wahrnehmung – Wahrnehmung als die Voraussetzung, Sinnlichkeit mit ins Handeln aufzunehmen.

Der Begriff der Nachhaltigkeit – und um ihn geht es auch in Ihrer Ausstellung – war von den Experten breit gedacht. Nur ist er so inflationär gebraucht worden, dass kaum noch jemand davon reden will. Was hat die Wissenschaft hier falsch gemacht? Ist es ein Problem des Inhalts oder der Vermittlung?

Es gibt eine ganze Reihe von Wörtern, die zwischendurch als Rettungsschirm über versagende Realität aufgebaut wurden: Innovation, Kreativität, gender mainstreaming – oder eben Nachhaltigkeit. Deshalb rümpft Holm Friebe von der Zentralen Intelligenz Agentur die Nase und sagt: »Das N-Wort! Das unsexy N-Wort!« Wir hatten eine lange Diskussion: Sollten wir den Begriff verloren geben oder können wir ihn neu aufladen – reloading sustainability? Ich habe von Ernst Bloch gelernt, dass man zum Beispiel das Wort »Heimat« nicht den Faschisten überlassen kann, sondern dass Heimat als ein utopischer Ort zu begreifen ist, an dem noch niemand war, nach dem wir uns aber alle sehnen. Wir entschlossen uns zur Offensive: Die Verknüpfung von Ästhetik und Nachhaltigkeit.

Sind Sie auch deshalb aus der Politik rausgegangen?

Naja, ich habe ja nur einen kurzen Ausflug in die Politik gemacht und dabei festgestellt, dass man den Weiterbestand der Welt nicht länger an die Regierungspolitik delegieren kann. KünstlerInnen sollen also Beobachter sein, leisten, was die Politik nicht kann, und nun sollen sie auch noch Solarantriebe oder Recyclingverfahren entwickeln, um die Gesellschaft nachhaltig zu machen. Ist das nicht etwas viel? Mit der Ausstellung nehmen wir auf, was wir an künstlerischer Praxis gesehen haben. Und die beginnt bei Gordon Matta-Clark, Joseph Beuys oder Robert Smithson, die sich, bevor es namentlich eine Umweltbewegung gab, mit Phänomenen wie Luftverschmutzung, Erosion oder dem Abbau von Bodenschätzen beschäftigt haben, mit der Frage: Was passiert eigentlich mit der Welt, was mit dem Wasser, was mit dem Pflanzenreichtum und welche Machtverhältnisse berührt das? Das wollten wir gerne sichtbar machen.

Kunst hat die Nachhaltigkeit früher als andere besetzt?

Sie hat sich früh mit dem Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur beschäftigt. Wenn man ein bisschen in diesen Nachhaltigkeitskontext einsteigt, merkt man, dass in allen Manifesten und Sonntagsreden davon gesprochen wird, dass es nicht nur drei Dimensionen der Nachhaltigkeit gibt, also das Soziale, das Ökologische und das Ökonomische, sondern auch das Kulturelle. Nur folgt auf diese Einsicht kein praktisches Handeln. Die vierte Dimension, das Kulturelle wird immer vergessen. Das ist eben so …

… Gedöns, um mit dem deutschen Altkanzler Gerhard Schröder zu sprechen?

Ja, Kultur als eine Art Appendix, die noch schnell hintendran geklebt wird. Galerie für Landschaftskunst beispielsweise arbeiten seit langem künstlerisch und interdisziplinär an Vorstellungen von Natur, Landschaft und Stadt, Clement Price-Thomas verändert die Wahrnehmung über seine künstlerische Auseinandersetzung mit Naturphänomenen und Néle Azevedo schafft auf poetische Weise mit ihren Installationen schmelzender Eisskulpturen einen umittelbaren Eindruck des Klimawandels.

Was haben denn die KünstlerInnen selbst falsch gemacht, wenn sie diese Ideen schon lange im Kopf haben oder auch schon bearbeiten, sie aber nicht bis zur globalen Diskussion durchgedrungen sind?

Der Kunstkontext ist nicht frei von gos and no-gos, nicht unabhängig vom Mainstream. Die Idee der Autonomie, das keinem-Auftrageber-verpflichtet-Sein hat die Kunst im 20. Jahrhundert ungeheuer geprägt. Und niemand, auch nicht Beuys oder andere, die sich für etwas anderes interessiert haben als die »reine« Kunst, waren von Anfeindungen frei.

Welche Anfeindungen genau?

Der Verdacht Öko-, Sozial- oder Politkunst zu machen. Die Angst, vereinnahmt zu werden, durch Parteien oder politische Strömungen ist groß. Als ich Präsidentin an der Hamburger Kunsthochschule war, gab es einen Professor, der einst der KPD anhing. Er hat alle Studierenden, die malen wollten, inquisitorisch danach gefragt, ob sie glaubten, mit ihrer Malerei den Proletarier erreichen zu können. Das hat dazu geführt, dass Menschen in die innere Emigration gegangen sind und heimlich gemalt haben. In den 1970er -/ 1980er-Jahren wurde als Reflex die eigene Autonomie zelebriert, die sich keiner gesellschaftlichen Strömung verpflichtet fühlte. Heute ist der Kunstmarkt Gott. Daneben gibt es zunehmend KünstlerInnen, die sich mit dieser Gottheit nicht anfreunden wollen und ihre Kunst nicht verkaufen. Christin Lahr ist so ein Beispiel, die mit ihrer Arbeit Macht Geschenke »unserer« Bundesbank jeden Tag – mit eins im Sinn – einen Cent überweist, also schenkt.

Verstehen Sie Ihre Ausstellung also als Rebellion gegen die heutige Kunstwelt?

Es geht weder um Rebellion noch darum einen Zeitgeist zu bedienen. Es ist einfach die erste wirklich große Ausstellung in der Bundesrepublik, die sich mit der kulturellen Dimension von Nachhaltigkeit beschäftigt. Ob das Konzept aufgeht, kann ich nicht sagen. Es ist ein Prozess, ein Experiment. Wir kriegen vor allem das Echo: Ja, das ist die richtige Ausstellung zum richtigen Zeitpunkt. Das ermutigt uns, zu glauben, wir können nicht vollkommen daneben liegen. Offenbar ist dieses Gefühl, dass die Welt bei den Experten nicht gut aufgehoben ist, doch sehr weit verbreitet.

Warum kommt die Ausstellung dann erst jetzt?

Weil wir drei Jahre gebraucht haben, um genügend Geldgeber von der Verbindung Ästhetik und Nachhaltigkeit zu überzeugen, denn die einen fühlten sich nicht für die Kunst, die anderen nicht für ökologische Fragen zuständig. In den Vereinigten Staaten, in England und Skandinavien hat es schon mehrere Ausstellungen in diesem Bereich gegeben. Deutschland hinkt sehr hinterher. Bisher war die Frage von Eco-Aesthetics, wie Rasheed Araeen das nennt, eigentlich nur kleineren Ausstellungen in Kunstvereinen oder Architekturzusammenhängen vorbehalten und immer monothematisch: Klima, Level Green, Beyond Green, TAK GREEN, Niedrigenergiehaus, Solartechnik.

Ist es nicht das Ziel, so viel wie möglich grün zu machen?

Aber eine wirklich umfassende Ausstellung wie die unsere, mit mehr als 40 Positionen aus Kunst, Wissenschaft, Film, Architektur, die sich den brennenden Fragen des Weiterlebens auf dem in jeder Hinsicht gefährdeten Planeten stellen, hat es in der BRD so noch nicht gegeben. Aber es ändert sich gerade. Im nächsten Jahr wird zum Beispiel die Bundeskulturstiftung mit nicht wenig Geld einen eigenen Schwerpunkt »über Lebenskunst « entwickeln. Vielleicht wird man in einigen Jahren sagen, die expeditionen in ästhetik und nachhaltigkeit haben im Zusammenspiel von Künsten, Wissenschaften und sozialer Praxis neue Wege eröffnet: zur nachahmung empfohlen !

Und das ist dann noch Kunst?

Ja, es ist der erweiterte Kunstbegriff. Denn auch künstlerische Interventionen, die soziale Bewegungen gegen harte politische Realitäten verstärken, sind hierzulande noch eher selten. Hermann Josef Hack trägt die Auswirkungen von Klimaflucht an die Orte der Verantwortlichen, vor Parlamente und in Fußgängerzonen der Konsummetropolen. Gustavo Romano beschäftigt sich seit dem Staatsbankrott in Argentinien mit dem Verhältnis von Geld und Zeit. Die Arbeit Under Discussion des Künstlerduos Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla ist Teil des Widerstands gegen die Amerikaner, die der karibischen Insel Vieques nach ihrem Abzug Blei, Uran und Kadmium und Krebserkrankungen hinterließen. Die Interventionisten The Yes Men schleusen sich auf internationale Kongresse ein, um dort Kommunikationsguerilla zu betreiben. Das alles kann Kunst.

Viele Exponate der Ausstellung sind also sehr praxisorientiert. Zwingt Ihr Fragekontext KünstlerInnen, wieder mehr zu Erfindern zu werden, zu so einem Da-Vinci-Typus?

Die Arbeiten zielen auf eine veränderte kulturelle Praxis. Wenn Christoph Keller mit seinem Patent Licht in Hinterhöfe bringt, Susanne Lorenz, Jakub Szczesny und Zwischenbericht auf je unterschiedliche Arten mit der Reinigung von Wasser experimentieren, Jae Rhim Lee mit Sporen forscht, die den toten menschlichen Körper schneller kompostieren helfen, oder Otmar Sattel Töne aus Gas erzeugt, oder wenn Liebau | Lingk an die Sonnengesänge von Franz von Assisi erinnern oder Miguel Rothschild an den Untergang der Atlantiden. Nehmen wir die Gruppe Superflex, die mit dem Fluten einer Mc Donald’s-Filiale einen Akt vollziehen, der global verstanden wird. Ist das Kunst, ist das Wissenschaft, ist das Praxis oder Dazwischen? Was erweitert da wen? Denn sie brauchen für ihre Arbeit wissenschaftliche Erkenntnisse, oder simulieren sie in kritischer Absicht wie Antal Lakner, der in Zeiten drastischer Verringerung des Lebensraumes für Mensch und Pflanze eine Symbiose zwischen beiden erforscht hat.

»Wir brauchen nicht Moral und Verzicht, sondern Lust und Leidenschaft.«

Teil 2

Adrienne Goehler, worin besteht die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft in der Ausstellung?

In den gemeinsamen expeditionen in ästhetik & nachhaltigkeit, im Auflösen der Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft, Aktivismus und Erfindungen. Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit braucht Wahrnehmungserweiterung im Zusammenwirken. Daher werden bewusst die Grenzen zwischen künstlerischer und technischer Forschung aufgehoben, zwischen Machbarkeit und Idee.

Haben KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen für ihre Objekte in der Ausstellung bereits zusammengearbeitet?

Die meisten werden sich da erst begegnen. Aber jemand wie Tue Greenfort oder wie Henrik Ha° kansson arbeitet schon lange mit wissenschaftlichen Fragestellungen. Genauso wie Ursula Schulz-Dornburg, die sich mit dem Verlust von Biodiversität beschäftigt und dafür auch Anleihen am Wissen von Umweltbewegungen nimmt. Es wird aus dieser Ausstellung heraus sicher weitere Verknüpfungen geben. Es liegt ja lange in der Luft: Künste und Wissenschaften sind Geschwister, die allmählich begreifen könnten, was sie an einander haben statt sich unentwegt voneinander abzugrenzen.

Ausstellung als Familienzusammenführung?

Eine gute Gelegenheit zur Verständigung. Es wird deutlich, dass Kunst eben auch Forschung ist und dass Fragestellungen sich überlappen, aber die Antworten andere als die der Wissenschaften sind. Dort wo Wissenschaft immer beweisen muss, kann Kunst einfach Setzungen machen. Es geht vielleicht um so etwas wie ein produktives Misstrauen, im Sinne von sich gegenseitig befragen. Das brauchen wir, um die mannigfaltigen Probleme, die wir derzeit haben, anzugehen. Nicht in einem Entweder-oder, sondern in einem Sowohl-als-auch. Wir haben uns weit aus dem Fenster gelehnt mit dem Titel zur nachahmung empfohlen!

Finden Sie?

Ja, denn Kunst lebt eigentlich von ihrer Einmaligkeit. Mich interessieren aber eher die gegenseitigen Bezugnahmen, das was man selbst weiter-, um-, nachdenken kann und was durch Anstöße aus der Kunst zu einer veränderten Praxis einlädt.

zur nachahmung empfohlen ! kann ja auch heißen, einfach nur Denkanstöße zu geben.

Eben! Und Anstöße zum Handeln.

Noch ein Beispiel?

Bionik. Der »Wabenbaumeister« Gerd Niemöller hat, der Biene abgeguckt, aus Altpapier und Kunstharz extrem leichte, stabile Bauwerke aus Wabenstrukturen entwickelt, die auch in Katastrophengebieten zum Einsatz kommen können. Das Nachahmen ist ihm ein Anliegen. In möglichst vielen Klimakrisen und Armutsgebieten.

Wo ist da der Unterschied zwischen Kunst und Erfindung?

Die Grenzen sind fließend, bedeutend ist, wo man selbst verortet ist. Jemand wie Christoph Keller kommt aus einem Kunstkontext, den er erweitert, indem er etwas Nützliches erfindet. Der Erfinder Christian Kuhtz hingegen wird zum ersten Mal in einem Kunstkontext gezeigt. Lukas Feireiss, Luis Berríos-Negrón und Tomorrow’s Thoughts Today spüren Architekturen des Wandels und neuer ökologischer Intelligenz nach, Dionisio González erfindet in seinen Fotografien architektonische Lösungen gegen Gentrifizierung.

Nach welchen Kriterien sind die Objekte für die Ausstellung ausgesucht?

Nach der Sorge um den Zustand der Welt und dem Eigenwert des künstlerischen Zugangs. Der finnische Künstler Ilkka Halso umhüllt die Natur, um sie vor dem Zugriff der Menschen zu retten. Wir wollten uns aber nicht auf das Thema Klimawandel beschränken, auf das im Moment alle Gelder und Aufmerksamkeit gerichtet sind. Zum Nachdenken über den Zustand von Welt gehört auch das Artensterben, gehören die unfassbaren Mengen von Abfall und Strategien dagegen, von Re- und Upcycling wie bei Nana Petzet, Dodi Reifenberg, Folke Köbberling und Martin Kaltwasser. Es gehören dazu technische Innovationen und Werkstoffe wie der Bambus, nachhaltiges Wirtschaften. Es geht auch um das Aufzeigen politischer Machtdemonstrationen gegenüber kultivierter Natur wie bei Dina Shenhav, um den Hunger in der Welt wie bei Dan Peterman, um Biopiraterie wie bei Ines Doujak. Jede künstlerische Arbeit fordert auf ihre je eigene Weise die individuelle Dimension des Handelns heraus.

Lassen Sie mich einen kleinen Einschub machen.

Bitte schön!

Meiner Beobachtung nach ist der Kunst in den letzten Jahren die Rolle der Beobachterin, aber auch der Chronistin zugefallen. Wer redet heute noch über den Balkan-Konflikt? Wir sind ja jetzt in Afghanistan und im Irak. Es sind die KünstlerInnen, es ist die Literatur, das Theater, der Film, die heute noch artikulieren, was an Schrecken geblieben ist, nachdem die Weltöffentlichkeit die Aufmerksamkeit abgezogen hat. So ist es auch auf dem Feld des Ökologischen. Hier gibt es auch LangstreckenbeobachterInnen, Cornelia Hesse-Honegger zum Beispiel.

Was hat Sie an ihr fasziniert? 

Cornelia Hesse-Honegger hat über viele Jahre Wanzen gesammelt und gezeichnet und sie dann nach fallouts in radioaktiv verseuchten Gebieten untersucht. Wanzen sind symmetrisch aufgebaut, geschädigte Wanzen alle asymmetrisch. Ihre Arbeit hat mich ganz unmittelbar angegriffen. Ich weiß eigentlich eine Menge über Atomkraft und fallout, aber das Sehen, wie die Zerstörung sich im Allerkleinsten manifestiert, hat etwas ungeheuer Zwingendes.

Was ist der Unterschied zu einem Biologen, der so etwas vielleicht auch erforscht?

Hannah Arendt hat ja diesen wunderbaren Satz gesagt: »Was kann Kunst, was andere nicht können? Sie kann Öffentlichkeit herstellen.« Womöglich ist es genau das, was in diesen oft hoch spezialisierten, abgeschirmten wissenschaftlichen Kontexten fehlt. 

Wie schwer war es, diese KünstlerInnen zu finden?

Überhaupt nicht.

Wie sind Sie vorgegangen?

Es ist ein langjähriger Prozess, der aus Gesprächen, Reisen, unvermuteten Entdeckungen und Bezügen besteht. Es ist Kompositionsarbeit. Manche Arbeit verfolge ich schon länger, wie die von Gudrun F. Widlok. Sie arbeitet mit einem ganz kleinen Kunstgriff, der unsere Gewohnheitswahrnehmung komplett infrage stellt.

Kunstgriff?

Wir alle kennen die Plakate und Flyer, die uns zur Weihnachtszeit das Herz erwärmen sollen, wenn uns ein afrikanisches Kind mit tellergroßen Augen anblickt und sagt: Mit fünf Euro kannst du dafür sorgen, dass es mir gut geht. Dann schickt man zur eigenen Entlastung 60 Euro irgendwohin, wo dann die Hälfte erstmal als Verwaltungskosten abgezogen wird. Die Künstlerin hat nun Menschen gecastet mit Foto, die hier ökonomisch gut situiert sind, aber denen es an Wärme, an Zuneigung, an Geliebt- und Gebrauchtwerden mangelt. Sie ist mit den Fotos z. B. nach Ghana gegangen und hat dort Familien gefunden, als Paten dieser Deutschen. Die sagten: Kein Problem, kannst’se schicken. 

Oh!

Es ist das Anknüpfen an eine Ressource in Afrika, die es dort im Überfluss gibt: menschliche Nähe, familiäre Verbindungen, Einstehen füreinander. Es ist die Umkehr unserer Wahrnehmungsgewohnheit: zur nachahmung empfohlen!

Gab es KünstlerInnen, die gedrängt werden mussten?

Wirklich nicht einen Fall. Eher ist es seit einem halben Jahr so, dass sich immer neue Leute melden, die von jemandem gehört haben, dass die gehört hat, dass er auch … Auf diesem Wege ist in letzter Minute Xing Danwen zu uns gestoßen, deren Arbeit in einer wunderbaren Korrespondenz zu den Fotoarbeiten von Till Leeser steht, die uns erbarmungslos die Auswirkungen unserer Konsumgewohnheiten vor Augen führen.

Gibt es international Unterschiede, so etwas wie einen hot spot für Ästhetik und Nachhaltigkeit?

Diese herausfordernde Verbindung wurde unseres Wissens so noch nicht explizit thematisiert. Aber wie gesagt: Andere Länder sind viel weiter in der Zusammenarbeit auf dem Feld der Ökologie, auch sind Kooperationen mit NGOs und sozialen Bewegungen innerhalb des Kunstkontextes geläufiger als ausgerechnet in Deutschland.

Wie nachhaltig ist die Ausstellung selbst?

Das war von Anfang an die große Herausforderung. Wie vermeiden, dass der ganze irrsinnige Aufwand für einen Monat Ausstellung betrieben wird und danach, dokumentiert, in der Versenkung verschwindet, um dann das nächste Projekt zu entwickeln? Diese Krankheit, die unsere Förderstrukturen mit sich bringen, sie treibt gerade das Nichtnachhaltige an. Kein künstlerisches Projekt kann heutzutage noch reifen, weil es zu wenige Gelder für Wiederaufnahmen gibt. Das ist eine Verschleuderung von Ressourcen, mit der die Spezies der Antragskünstler produziert wird, die zum jeweils nächsten Antragszeitpunkt hysterisch etwas total Neues produzieren müssen – und dafür alles in den Mixer schmeißen, was sie an Ideen haben oder was gerade thematisch angesagt ist: Die geforderte Antragslyrik zeigt schon, dass das Forschen mit offenem Ausgang sowohl in Kunst wie Wissenschaft zu kurz kommt. Da kann man nicht mehr sagen: Ich weiß noch nicht, wie es ausgeht, aber ich habe ziemlich gute Gründe, es zu versuchen.

Was können Sie machen?

Um dieser Art von Verschleiß entgegenzuwirken, haben wir von Anfang an Nachfolgestationen gesucht. Und haben noch vor Eröffnung der »Mutterausstellung« sieben weitere Ausstellungsorte gewonnen. Die Ausstellung wird jedes Mal ein besonderes Gesicht haben, andere Gewichtungen, weil sie sich jeweils um eigene regionale künstlerische, wissenschaftliche Fragestellungen und solche von sozialen Bewegungen erweitern wird. Wir begeben uns damit auch auf kuratorisches Neuland.

Wie lange soll die Tour dauern?

2013 ist bislang die letzte Station. Aber ich werde nicht eher ruhen, bis die Ausstellung auch nach Brasilien reisen wird. Insofern kann es auch 2014 werden.

Wie ökologisch ist die Ausstellung selbst?

Unser oberstes Prinzip ist »Make it simple«: Wir versuchen, regional zu produzieren, hier geht es wirklich mal um Verzicht und Einsparung, um Weglassen; von Ausstellungsarchitektur nur das Notwendigste zu bauen, nachwachsende Rohstoffe zu verwenden, Bestehendes auszuleihen, Ausstellungselemente wieder zu benutzen, Transporte zu minimieren, Leerfahrten auszunutzen, und für Flugreisen leisten wir einen C O2 – Ausgleich.

Wenn die Ausstellung nun der erste Schritt ist, die Verbindung von Kunst und Wissenschaften an dem Punkt Nachhaltigkeit neu zu initialisieren, was kommt dann danach?

Die Idee zu dieser Ausstellung war von Anfang an damit verknüpft, dass es einen institutionalisierten Ort für Fragen zwischen den Zuständigkeiten geben muss, einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit. Auf den man sich gleichermaßen mit künstlerischen, erfinderischen und wissenschaftlichen Fragestellungen bewerben kann. Der Ressortgrenzen überschreitet und die transdisziplinären Fragen zum Zentrum des Interesses erhebt. Wo alle mal zugeben können, allen voran die Politik, dass niemand im Moment so genau weiter weiß. Wo wir uns verabschieden können von Ewigkeitsstatements und stattdessen ausprobieren, tasten, vielleicht in eine Richtung gehen, die sich dann später als Irrtum oder als halber Irrtum erweist. Diese andere Form des Forschens steht für die ganzen großen Fragen an.

Wie soll der Fonds aussehen und finanziert werden?

Ich stelle mir vor, dass verschiedene große Stiftungen und Unternehmen in diesen Fonds einzahlen und in den Jurys sowohl wissenschaftlich und ökologisch kundige Menschen sitzen als auch solche, die sich in künstlerischen Zusammenhängen auskennen und wissen, wie gerade der Stand der Diskussion ist. Die Durchlässigkeit müsste also schon dort beginnen.

Wie viel Geld bräuchte ein solcher Fonds für den Anfang?

Ich bin eine Freundin von Modellversuchen. Wir können mit fünf, besser zehn Millionen Euro anfangen und nach fünf Jahren sehen, ob wir Fragestellungen ausgelöst haben, für die es einen gesellschaftlichen Resonanzboden gibt.

Die Ausstellung heißt: zur nachahmung empfohlen! – Was empfehlen Sie zur Nachahmung?

Gucken, denken, handeln: »To make the world a better place.« Nicht durch Moral und Verzicht, sondern durch die eigene geschärfte Wahrnehmung, mit Lust und Leidenschaft am eigenen Tun und am besseren Miteinander und Leben.