Cornelia Genschow

Ikonen
Sammlung Südliches Rheinland

Die Familie der Gräser zählt fraglos zu den faszinierendsten und facettenreichsten Vertretern der Pflanzenwelt. Unscheinbar und sogleich allumfassend besiedeln sie unseren Globus, seien es Pionierpflanzen an den unwirtlichsten Orten oder als üppiger Rasen in gemäßigten Klimazonen. Süßgräser, Sauergräser und Binsengewächse bilden einen Genpool von geschätzten zehntausend Arten weltweit. Im fatalen Gegensatz zu dieser Präsenz steht der Mangel an Wissen um die enorme kulturanthropologische Bedeutung der Gräser und ihre allgemeine Unbekanntheit. Wem ist schon bewusst, dass Gräser die Grundnahrungsquelle unseres Planeten darstellen? Die über Jahrtausende immer weiter verfeinerten Auskreuzungen und Züchtungen der Gräser in Form von Getreide sicherten und sichern sowohl die tierische als auch die menschliche Existenz.

In gleichem Maße bedeutsam begegnen uns die Gräser in ihrer ästhetischen Dimension. Geradezu unnachahmlich ist ihre architektonische Beschaffenheit. Ein diffiziler Verbundbau aus hochelastischen und festen Zellstrukturen befähigt einen Grashalm, seinen im Verhältnis zu Wuchshöhe und Bau um ein Vielfaches schwereren Fruchtstand zu tragen und ihn allen Widrigkeiten zum Trotz aufrecht zu halten. Diese Fruchtstände an sich sind bei genauer Betrachtung ein Wunder an Form und Farbe. Die scheinbar gleichförmige grüne Masse beinhaltet eine Vielfalt an individuell ausgeprägter Schönheit. Staunen kann man über die überwältigende Sinnlichkeit nicht nur einzelner Gräserblüten, sondern auch über die faszinierenden Nuancen von Grün in einem wogenden Gräsermeer. Hier glänzt die Wahrheit und der Verstand öffnet sich der empfindenden Erkenntnis. All dies und vieles mehr liefert wohl Stoff genug für mehr als eine Künstlerbiografie.
»Ich sammle Gräser und führe sie über einen langen Prozess der Bearbeitung bis hin zu Graffitos an Wänden im räumlichen Kontext des Fundortes. Wie Ikonen repräsentieren diese Wandarbeiten die komplexe Fragestellung nach dem Verhältnis von Mensch, Natur und Kultur.«